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Der Club der toten Staatsmänner

„Autsch!“ Der Aufschrei ist eher der Überraschung als dem Schmerz geschuldet, denn das Papierkügelchen, mit dem Markus den Leiter des Reinreimkurses beschoss, perlt mit einem sanften „Flopp“ an dessen Nacken ab. „Was ist das wieder für eine Unruhe in der letzten Reihe?“, schimpft der Lehrer und pickt sich den zarten Alexander, der allzu unschuldig wirkte, um wirklich unschuldig zu sein, als Sündenbock heraus. „Alex, wenn du mit deinen Reimen so zielgenau ins Schwarze triffst, wie mit den Krampen, dann dürfte es sicherlich ein Leichtes für dich sein, einen reinen Reim auf ‚mein liebstes Hobby‘ zu finden!?“ Alexander schluckt, blättert hektisch in seinen Unterlagen und stammelt schließlich das nach, was ihm sein Banknachbar Markus ins Ohr flüstert: „Die Autolobby.“ Die anderen Kursteilnehmer brechen in ein ohrenbetäubendes Lachen aus, während der Reinreimhansel hämisch grinst und ihn mit den sarkastischen Worten „Na, aus dir wird noch mal ein richtiger Romantiker“ vor der ganzen Klasse runterputzt.

Alexander wollte in diesem Sommer 1984 nicht in das Lyrik-Camp. Er fühlt sich hier fremd und ungeliebt. Viel lieber wäre er zu Olympischen Sommerspielen nach Los Angeles geflogen und hätte den deutschen Sportschützen zugejubelt. Doch sein Vater legte liebevoll die Hände um den Hals seines Filius, drückte fest zu und schrie: „Gedichte formen den Charakter, und von dem hat der liebe Herrgott nicht besonders viel mit auf den Weg gegeben!“

Das Gelächter ebbt ab und Markus schiebt ihm heimlich einen Kassiber zu: „Heute Abend um 19:00 Uhr im Club der toten Staatsmänner“, liest Alex. Augenzwinkernd raunt sein fast drei Jahre älterer Protegé: „Lass die dummen Hühner gackern und Reinreime auf ‚schicken‘, ‚stoppen‘, ‚rattern‘ und ‚Wimpern‘ suchen. Wir machen uns einen Reim auf dir richtigen Männerthemen!“

Während die Streber nach dem Abendessen noch in privater Runde Haikus dichten, klettern Alexander und Markus über den Stacheldrahtzaun des DGB-Schulungszentrums, um eine kleine Höhle im nahegelegenen Wäldchen anzusteuern. Dort rezitiert der Jüngste aus der Runde gerade die Losung des Clubs, Machiavellis berühmtes Zitat: „Die Menschen sind so einfältig und hängen so sehr vom Eindruck des Augenblickes ab, dass einer, der sie täuschen will, stets jemanden findet, der sich täuschen lässt.“ - „Das hast Du täuschend klar und laut in die Welt gebrüllt“, lobt der Patron den kleinen Andreas, der nächsten Monat zwar erst seinen zehnten Geburtstag feiert, aber bereits jetzt eine große Klappe hat und den Jugendleiter mit Horst anredet, während der vier Jahre ältere Alexander sein großes Idol immer noch ehrfurchtsvoll mit „Herrn Seehofer“ begrüßt und sich demütig für seine Verspätung entschuldigt. „Ein richtiger Staatsmann entschuldigt sich nicht – wer sich entschuldigt, zweifelt an seiner eigenen Unfehlbarkeit“ belehrt ihn sein Mentor. „Ist das auch von Machiavelli, Herr Seehofer?“ - „Besser noch, das ist von mir.“

„Was ihr bei mir lernen werdet, kann euch kein Dichter dieser Welt beibringen“, fährt der Clubchef fort. „Was habt ihr heute bei Frau Holdstock-Klöppelin über die vier Grundprinzipien gelernt?“ Alexander blättert aufgeregt in seinen Notizen und schreit schrill in den Raum: „Reim, Metrum, Prosodie und Bildhaftigkeit!“ Das Lob bleibt jedoch aus. Stattdessen staucht Horst ihn zusammen: „Was fällt dir ein, irgendwelchen dahergelaufenen Alt-68er-Schlampen, die auch noch einen Doppelnamen haben, nach dem Mund zu plappern? Denkst du, dass du es damit in der Staatskunst weit bringen wirst?“ - „Ich denke nicht“, antwortet der verdatterte Alexander kleinlaut und erntet damit den Beifall, der ihm nach dem ersten Versuch verwehrt blieb. „Gut so! Du denkst nicht, weil Denken nicht unsere Aufgabe als Staatenlenker ist. Sollen andere sich einen Kopf machen – wir haben schon einen und der bleibt wie er ist. Unsere Grundprinzipien lauten ‚Ordnung, Stillstand, Macht und Sturheit‘ sowie das oberste Prinzip, alle Prinzipientreue fahren zu lassen, sobald der Preis stimmt.“

Alexander durchflutet diese einfache Logik mit einer nicht gekannten Sicherheit, wie ihn Metaphorik und Hermeneutik mit Angst erfüllen. Die Wahrheit ist keine Rosenknospe, die es zu pflücken gilt. Die Wahrheit ist klar und deutlich und eine unverblümte Lüge. Er liebt es, im Kreise der anderen Prinzipienhassadeure die Texte großer Staatsmänner wie Bismarck, Hindenburg und J. Edgar Hoover zu lesen und darüber zu philosophieren. Heute diskutiert der Club über Metternichs Ausspruch: „Nur auf dem Begriff von ‚Ordnung‘ kann jener der ‚Freiheit‘ ruhen.“

„Was Hannover gerade mit seinen Chaostagen erleben muss, ist doch ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn man ein chaotisches, sprich ungeordnetes System sich frei entwickeln lässt. Sodom und Gomorrha!“ Beifall brandet, wütende Zwischenrufe wie „Erschlagt die Zecken!“ oder „Alle an die Wand stellen“ ertönen. Alexander wundert sich über sich selbst, denn als ob er nur einen Film schauen würde, beobachtet sich dabei, wie er – der doch sonst so schüchtern ist – aufsteht, das Wort ergreift und mit voller Stimme in den Saal ruft: „Natürlich muss man das Unkraut an der Wurzel ausreißen. Aber die Punks sind doch nur das Symptom, nicht die Ursache. Was wir brauchen, ist eine Zeitenwende. Was wir brauchen, ist eine konservative Revolution.“

Wäre dies tatsächlich ein Film gewesen, hätte ihn nun vielleicht der Abspann retten können. Doch so hält die Kamera weiterhin voll auf sein Gesicht. Ein Gesicht, das aschfahl wird, als Herr Seehofer ihn verwundert anschaut und sagt: „Ecce homo! Endlich mal einer unter euch Möchtegernstaatsmännern, der das Wesen der Dinge tatsächlich auf den Grund setzt. Und deshalb wirst du auch derjenige sein, der unseren Club morgen auf der Abschlussveranstaltung mit einer kleinen Rede vertreten wird.“

Die Aula im ehrenwerten DGB-Schulungszentrum ist bis auf den letzten Platz mit Schulungsteilnehmern und ihren Eltern gefüllt. Es hat Tradition, dass am letzten Tag des Lyrik-Workshops die besten Eleven Kostproben ihrer dichterischen Exzesse zum Besten geben dürfen.

Die kleine Wiebke hat gerade ihren Vortrag mit den Versen „Nichts hält den Mensch so sehr in Schwung / Wie Liebe, Sex und Abrüstung“ beendet, als Alexander unsicher ans Rednerpult stolpert. Er blickt in die erwartungsvollen Gesichter des „Clubs der toten Staatsmänner“. Er sieht, wie Markus den Daumen der rechten Hand nach oben reckt. Er sieht, wie Horst gleich den ganzen Arm nach oben reckt. Er nimmt all seinen Mut zusammen und brüllt in das Mikrofon: „WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG?“

Im Saal bricht ein Tumult aus. Aufgebrachte Eltern versuchen die Bühne zu stürmen, wo sie allerdings von ein paar Anthroposophen in der ersten Reihe gestoppt werden, die gegen ihre Wut anzutanzen versuchen. Das gibt Alexander die Möglichkeit, durch ein Fenster in der Herrentoilette zu fliehen. Der Leiter der Einrichtung, ein Gewerkschaftsmitglied der ersten Stunde, hat den wahren Schuldigen längst ausgemacht und präsentiert ihn den Mob mit den Worten: „Horst! Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst die Kleinen nicht mit deinen wirren Allmachtsfantasien aufhetzen. Pack dich, ich will dich hier nie wieder sehen.“ Durch einen Tränenschleier blickt Markus seinem geistigen Vordenker hinterher, wie er erhobenen Hauptes durch die sich teilende Menge Richtung Ausgang marschiert, und fällt in die Rufe der anderen „Cluberer“ mit ein, die ihr Idol mit den Rufen „O, Führer! Mein Führer“ verabschieden. Er schmeckt die Zähren auf seinen Lippen, sie schmecken nach Glück. Denn natürlich hat er nicht die Maxime des Clubs vergessen: „Der Abgang des einen, ist die Chance des anderen.“

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