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ALTENBURG: Eine Stadt im Wandel


"Am unvergeßlichsten aber waren die Wände selbst. Das zähe Leben dieser Zimmer hatte sich nicht zertreten lassen. Es war noch da, es hielt sich an den Nägeln, die geblieben waren, es stand auf dem handbreiten Rest der Fußböden, es war unter den Ansätzen der Ecken, wo es noch ein klein wenig Innenraum gab, zusammengekrochen."

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge


Vorwort


Altenburg im Umbruch

Die hier veröffentlichten Photographien sind nicht die typischen Postkartenmotive, wie sie heute von Altenburg in alle Welt versendet werden und die von der wiedererweckten Schönheit der thüringischen Stadt künden. Sie dokumentieren vielmehr das Stadtbild Altenburgs, wie es sich zu Zeiten des politischen Umbruchs darstellte: Alt steht neben neu, sozialistische Plakate hängen neben Wahlplakaten der neuen Zeit, Graffiti spiegeln die Stimmung des Wandels wider. Wo Sperrmüll abgeholt wird, steht vor fast jedem Haus ein alter Fernseher und eine alte Waschmaschine.


Die Stadt als lebendiger Organismus

Als mir meine damalige Freundin Vicky 1991 ihre Heimatstadt Altenburg zeigte, lernte ich einen Kosmos kennen, der voller Leben - und voller Sterben war. Bereits restaurierte Häuser wurden von Bauruinen flankiert. Bereits abgerissene Häuser zeichneten sich - Kacheln und Tapeten hinterlassend - als Umriss auf der Aussenwand des Nachbarhauses ab. Klingelanlagen, Rohre, Elektroinstallationen wichen von geradlinigen Ordunungsprinzipien ab und folgten der Freiheit der Improvisation.

Während die sorgsam getünchten Fassaden und das geplante Straßenbild des Westens Zeit- und Inhaltslosigkeit ausstrahlten, war in Altenburg gelebte Geschichte allgegenwärtig. Die Stadt wirkte auf mich wie ein gewachsener Organismus, der im Sterben lag - um Platz zu machen für ein "neues altes" Altenburg.


Farben

Als gelernter "Wessie" war ich es gewohnt, von unzähligen Farben im Straßenbild begleitet zu werden - Plakate, Graffiti, bunte Häuserwände und Neonreklamen. Der alltägliche Farbmatsch verwandelte sich in meinem Gehirn in Farblosigkeit.

In Altenburg traf mich jede Farbe, die vor dem einheitlichen grau-braunen Mauerwerk abstach, mit einer ungeahnten Intensität. Bei diesem ersten Besuch lernte ich, Farben neu zu sehen.

Beim Photographieren war mir der künstlerische Blick wichtiger als der dokumentarische (obgleich sich in diesem Falle beides nicht zur Gänze trennen läßt). Bei der digitalen Nachbearbeitung der Bilder habe ich kosequenterweise mein Augenmerk darauf gelegt, die Wirkung, die die abgeschlossenen Szenen auf mich hatten, zu betonen.


Was diese Photographien nicht sind

Diese Aufnahmen sind keinesfalls die Häme eines "Besserwessies" über das "Versagen des Sozialismus" (denn ich denke, daß wir in Zeiten leben, wo das Versagen des Kapitalismus keine Häme über andere mögliche Gesellschaftsformen zuläßt). Sie sind auch nicht der Versuch einer unangebrachten Romantisierung eines Photographen, der sich danach wieder in seine gestylte Westwelt zurückzieht. Begriffe wie "Liebeserklärung" oder "Hommage" wirken beim Betrachten der Aufnahmen befremdlich, die Kategorie "Zeitdokumente" reicht nicht weit genug: die Photographien zeigen mehr als Brüche und Geschichte, nämlich eine ungewohnte Vitalität und Morbidität hinter der Fassade.

Michael Kaiser
Hannover, im Juli 2006

 

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